Die tägliche Not einer Analphabetin

Auszüge des Artikel aus dem Hamburger Abendblatt vom 8.9.2011 von Dominik Ehrentraut

[…] Jennifer Rischers, 20, […] erinnert sich mit Grauen an ihre Schulzeit. Sie ist Analphabetin – wie 7,5 Millionen andere sogenannte funktionale Analphabeten. Sie kann zwar kurze Sätze lesen. Aber Formulare ausfüllen, einen Mietvertrag unterschreiben – undenkbar.

Tim-Thilo Fellmer kennt das Gefühl. „Bei der Arbeit versuchte ich, mir mit aufgemalten Symbolen und auswendig gelernten Spickzetteln alles zu merken“, erzählt der Frankfurter. Mit Mitte 20 war der Leidensdruck so groß, dass Fellmer sich bei einem Lese- und Schreibkurs anmeldete, dem ersten von vielen. Heut eist der 43-Jährige Kinderbuchautor, unterstützt Internet-Lernportale wie Legakids.net und arbeitet als Botschafter des Bundesverbandes Alphabetisierung. Der gemeinnützige Verband mit Sitz in Münster macht zum heutigen Weltalphabetisierungstag der Unesco auf die Probleme aufmerksam.

Bei Tim-Thilo Fellmer etwa wurde schon in der zweiten Klasse Legasthenie festgestellt. „Ich fühlte mich überfordert und zu dumm, meine Schwäche kompensierte ich, indem ich den Klassenclown und Rüpel gab und den Unterricht boykottierte.“ Von den Lehrern bekam er wenig Hilfe. „Sie schleppten mich elf Jahre lang mit durchs System bis zum Hauptschulabschluss.“ Er sieht das Bildungssystem in der Pflicht: „Kleinere Klassen machen für Lehrer eine individuelle Förderung überhaupt erst möglich, man darf Kinder nicht durchs Raster fallen lassen.“

Nach Ansicht der Hamburger Professorin Anke Grotlüschen liegt das größte Problem in der Tabuisierung. „Niemand will sich eingestehen, ein Analphabet zu sein“, sagt sie, „dabei hat das nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun.“ Anstatt Betroffene zu stigmatisieren, sollte ihnen unvoreingenommen Hilfe angeboten werden.“ […]

Hilfe für Analphabeten in Deutschland

793 Millionen Erwachsene weltweit können nicht lesen und schreiben. Wie die Deutsche Unesco-Kommission gestern in Bonn zum Welttag der Alphabetisierung mitteilte, leben etwa die Hälfte der Betroffenen in China, Indien, Bangladesch und Pakistan.

In Deutschland gibt es 2,3 Millionen Menschen, die nur einzelne Wörter schreiben oder lesend verstehen können, die sogenannten primären Analphabeten. 7,5 Millionen Menschen sind funktionale Analphabeten. Sie verstehen kurze Sätze. Formulare können sie nicht aussfüllen.

Der Alphabetisierungs-Verband hat eine kostenlose Beratungshotline geschaltet (0800-53 33 44 55). (HA)